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EIN GANZ BESONDERES "MÖBELSTÜCK"

Dr. Ralf Buchholz, Diplom Restaurator an der HAWK Hildesheim, steht die Vorfreude ins Gesicht. Er ist mit dem Auto unterwegs um etwas abzuholen. Sein Ziel ist Kollektion Wiedemann in Giesen nahe Hildesheim. Als er die Haupthalle betritt, kommt er aus dem Staunen nicht heraus. „Das sieht richtig gut aus.“ Vor ihm steht eine 2m x 3m Aluminiumkonstruktion in Leichtbauweise, die beidseitig mit Stoff bespannt ist. „Warte, das ist noch nicht alles“ entgegnet Geschäftsführer Rolf Wiedemann. Zusammen mit einem Kollegen dreht er die Aluminiumkonstruktion um 180 Grad. Auch der Anblick der Rückseite entlockt Dr. Ralf Buchholz ein glückliches Lächeln. Auf dem Stoff zu sehen, ist die Front- und Rückansicht eines restaurierten Sakralmöbel, genauer gesagt ein Chorgestühl. Die Jahreszahl 1537 ist darauf zu lesen. Was hat es damit auf sich? Warum diese Aluminiumkonstruktion? Und wo ist das Original des Chorgestühls? Dazu bedarf es einer kleinen Reise in die Vergangenheit.

Die jüngere Geschichte des Originals begann im Jahr 1989. Inmitten der rumänischen Revolution verließ die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen in großer Anzahl ihre alte Heimat Rumänien. Nicht zuletzt weil die deutschsprachige Minderheit unter der Diktatur von Nicolae Ceaușescu zunehmend benachteiligt wurde. Ganze Landstriche waren auf einmal verwaist. Zurück blieb das historische Erbe der Siegenbürgener. Zahlreiche Kirchenburgen und ihre Kunstwerke waren dem Verfall preisgegeben. Erst Ende der 90er begann eine Evakuierung der verbliebenen Kircheninventare. Altäre, Orgeln, Taufbecken und Gestühle wurden leichthin abgebaut und unsachgemäß eingelagert. Weitere Jahre vergingen.

2006 besuchte eine Reisegruppe der HAWK Hildesheim die Region Siebenbürgen. Jährlich kommen die Restauratoren der Hildesheimer Hochschule zu Forschungszwecken nach Rumänien. In der Kirchenburg von Großau/Cristian, einem Depot für gerettete Kunstwerke, machten sie einen sensationellen Fund. Ein unter Dreck und Staub verborgener Bretterhaufen entpuppte sich als ein zirka 500 Jahre altes Chorgestühl im spätgotischen Stil mit wunderschönen Blockintarsien und detailliertem Schnitzdekor. Ursprünglich stand es in der Wehrkirche zu Tobsdorf/Dupuș. In Übereinkunft mit der Evangelischen Landeskirche A.B. kam das Chorgestühl für intensive Studien und Restaurierung nach Hildesheim.

Im Jahr 2010 begann der lange Restaurierungsprozess. Speziell auf das Projekt zugeschnittene Konservierungs- und Restaurierungskonzepte mussten erdacht, geprobt und angewandt werden. Darüber hinaus nahmen die Restauratoren Kontakt zur Heimatortsgemeinschaft auf. Dieser Verein kümmert sich um die Erhaltung von Kulturgut aus der Region Siebenbürgen und hält Kontakt zu den dort verbliebenen Menschen. Man hoffte auf alte Fotografien oder Berichte von Augenzeugen, die das Chorgestühl noch mit eigenen Augen gesehen haben. Holzwürmer wurden mit Stickstoff verscheucht, vorhandene Bauteile mit Acrylharz verstärkt und fehlende Bauteile mittels 3D-Laserscanner sowie CNC Fräsen rekonstruiert. Eine Fehlstelle im Dorsal des Chorgestühls konnte bei Kollektion Wiedemann in Giesen ergänzt werden. Mittels eines UV-Plattendruckers wurde eine fotoreale Rekonstruktion der Fehlstelle auf dünnen Lindenholzbrettern realisiert. Nach acht Jahren minutiöser Kleinstarbeit ist aus dem ehemaligen Bretterhaufen wieder ein vollwertiges Sakralmöbel geworden. „Ein besonderer Moment war, als die Vorsitzende der Heimatortsgemeinschaft das restaurierte Chorgestühl sah“ erzählt Dr. Ralf Buchholz. „Sie brach in Tränen aus. Vor genau diesem Chorgestühl wurde sie vor Jahrzehnten konfirmiert. Die Anwesenheit des Chorgestühls vergegenwärtigt jedem die zurückgelassene Heimat der Menschen aus Siebenbürgen.“

Der Erkenntnisgewinn über das Chorgestühl war so mannigfaltig, dass die Fachhochschule eine Ausstellung über den Restaurierungsprozess plante. Mehr noch: Warum nicht gleich eine Wanderausstellung? Doch diese Idee stellte die Verantwortlichen vor eine knifflige Frage. Dr. Ralf Buchholz erinnert sich: „Eine Wanderausstellung über die Restaurierung des Chorgestühls machte für uns nur Sinn, wenn wir das Objekt um das es geht, auch vor Ort zeigen können. Jedoch war das nicht möglich, weil das restaurierte Original wieder zurück nach Rumänien überführt wird. Sein zukünftiger Aufstellungsort ist die Museumskirche in Mediasch in Siebenbürgen. Wir dachten zuerst über ein Modell des Chorgestühls nach. Jedoch wäre ein Modell zu klein, um den tatsächlichen Ausmaße des Originals gerecht zu werden. Durch einen 1:1 Nachbau entstünden praktikable Probleme in Bezug auf die Logistik der Wanderausstellung.“ Eine Interimslösung musste her.

Zu diesem Zweck kontaktierte Dr. Ralf Buchholz seinen alten Bekannten Rolf Wiedemann. Die beiden diskutierten einen großformatigen Druck, den man an die Wand hängt. So könne man aber nur die Vorderseite zeigen. „Ralf, weißt Du was? Wäre es nicht sogar besser, wenn man auch die Rückseite des Chorgestühls sieht? Wir machen also nicht nur einen Druck der Vorderseite, sondern auch von der Rückseite.“ Die ursprüngliche Idee eines einseitigen Drucks zur statischen Wandpositionierung, wandelte sich zur doppelseitigen Aluminiumkonstruktion, die an jedem Ausstellungsort frei bewegbar ins optimale Raumlicht gerückt werden kann. „Für unsere Zwecke perfekt“ sagt Dr. Ralf Buchholz erfreut. Unter Anleitung baut er die Aluminiumkonstruktion mit ab, um sie nur eine halbe Stunde später mit seinen Studenten an der HAWK wieder aufzubauen. 

Interessenten können die Ausstellung „Das Tobsdorfer Chorgestühl und seine Restaurierung“ noch bis zum 2. August von 9:00 bis 17:00 Uhr am HAWK-Campus Weinberg in der Renatastraße 11 im Foyer des Hauses E besuchen. Im Haus D im ersten Obergeschoss steht das Chorgestühl selbst in der Werkstatt zur Ansicht. Anhand von Texttafeln, Schaukästen und einer Videoleinwand können Besucher die Restaurierung des Chorgestühls nachvollziehen. Auch eine hölzerne Nachbildung eines einzelnen Chorstuhls ist Teil der Ausstellung. „Erblickt man das Chorgestühl, verspürt man den Drang sich hineinsetzen zu wollen. Mit der Stuhlnachbildung in Originalgröße ist das möglich. Damit können Besucher den Sitzeindruck in einem Chorgestühl nachempfinden“ erklärt Dr. Ralf Buchholz.

Im Oktober wird die Ausstellung vom 11. bis 14 .Oktober, dem Europäischen Tag der Restaurierung, erneut zu sehen sein. Weitere Infos über das Chorgestühl erhalten Sie hier.

(tm)

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